Die Störche Oberschwabens



Rulfingen

Rulfingen



2011: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
Den Wahrheitsgehalt dieses Sprichworts musste dieses Frühjahr das Rulfinger Männchen kennenlernen. Der in Waldbeuren 2004 gebürtige Storchenmann, der schon seit einigen Jahren zusammen mit einer Munderkingerin zuerst in Ölkofen und dann in Rulfingen brütete, kam – obwohl er es nach den Erfahrungen des letzten Jahres eigentlich hätte besser wissen müssen – wieder erst Anfang April an seinem Horst an. Da traf er jedoch auf ein mittlerweile fest verbandeltes Paar, seine Holde zusammen mit einem unberingten Partner, die bereits kurz vor der Brut standen. Es muss zu einem sehr heftigen Kampf gekommen sein, den der ehemalige Horstinhaber verlor, denn am 2. April wurde ich informiert, dass ein am Bein verletzter Storch an den Zielfinger Seen gesichtet worden sei. Anscheinend konnte sich dieser Vogel nur hüpfend und fliegend fortbewegen, auf diesem Bein also nicht auftreten. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass es sich um den Waldbeurener handelte. Erste Befürchtungen, es beträfe einen der Horststörche von Rulfingen oder Krauchenwies konnte ich nach Horstbeobachtung in diesen beiden Orten ausschließen, der verletzte Storch war aber zunächst nicht mehr auffindbar.
Als dann kurze Zeit später Göggingen als neuer Weißstorch-Brutort besiedelt wurde, bekam ich dann aber Klarheit. Auf dem Horst stand der Waldbeurener zusammen mit einer Unberingten, er humpelte, konnte aber inzwischen auf beiden Beinen stehen, hatte auch bei der Paarung keine Schwierigkeiten. Es war offensichtlich, dass es sich bei dem verletzten Storch an den Zielfinger Seen um ihn gehandelt hatte. Sprichwort hin, Sprichwort her, er ließ es sich nicht verdrießen und überprüft als nächstes den Wahrheitsgehalt eines weiteren Sprichworts: "Neue Liebe, neues Glück".
In Rulfingen ist derweil wieder Ruhe eingekehrt, seit Anfang April wird gebrütet.
Es muss an dieser Stelle auch noch etwas Unerfreuliches aus dem letzten Jahr berichtet werden. Einer der Jungstörche kam bei einem seiner ersten Ausflüge in Rulfingen um, wahrscheinlich landete er in einem Maisacker und kam nicht mehr heraus. Solche Vorkommnisse werden im Zuge des stark zunehmenden Mais- und Rapsanbaus in letzter Zeit immer häufiger (in Mühlhofen starben sehr wahrscheinlich drei Jungstörche durch Absturz bzw. Landung in Rapsfeldern). Noch vor seinem ersten Zug in den Süden kam ein weiterer Rulfinger Jungstorch um. Er verunglückte an einem Strommast bei Hohentengen-Bremen.

Juni: Die Rulfinger Storchenküken schlüpften Anfang Mai. Es wurden vier. Wie in vielen anderen Nestern Oberschwabens starb auch in Rulfingen das Nesthäkchen, es wurde knapp zwei Wochen alt. Drei Jungstörche konnten auf dem Rulfinger Kirchturm im Alter von knapp fünf Wochen beringt werden, ihre Entwicklung war zu diesem Zeitpunkt einigermaßen zufriedenstellend.

Anfang August: Die drei jungen Rulfinger Störche haben ihre kritische Nestlingszeit gut überstanden. Im Alter von 10 Wochen hatten sie auch das Fliegen gelernt. Die beiden Ältesten wagten sich am 14. Juli vom Kirchturm, der Kleinste brauchte noch etwas Mut und startete ein paar Tage später. Noch ist die Familie vereint, aber bald werden sich die jungen Störche von ihren Eltern verabschieden, sich anderen Jungstörchen anschließen und sich mit ihnen auf die große Reise begeben. Die Eltern werden noch etwas warten, aber Ende August oder im September werden auch sie sich auf den Zug begeben. Dann wird es still auf dem Rulfinger Kirchturm bis es im nächsten Frühjahr wieder heißt: "Unsere Störche sind gekommen!"

2010: Trotz des winterlichen Wetters besetzte die letztjährige Rulfinger Brutstörchin – die Oberschwäbin aus Munderkingen – am 10. März ihren Horst, denn man weiß ja nie, ob einem sonst womöglich der Horst von einer Anderen weggeschnappt wird (wie es ihr 2009 in Ölkofen passiert ist). Auf männliche Gesellschaft musste sie aber lange warten. Und als dann am 23. März endlich ein Storchenmann erschien, war es nicht ihr Angetrauter, sondern ein blutjunger Zweijähriger aus Salem. Auch andere Störche flogen um diese Zeit den Horst an und versuchten zu landen, hatten aber weniger Glück. Die Munderkingerin und der Salemer freundeten sich an.
Am 29. März – das neue Männchen ist gerade allein auf dem Horst – umfliegen zwei Störche das Nest, einer davon greift den Salemer an. Ist es das letztjährige Rulfinger Brutmännchen? Schließlich wird um den 5. April ein sehr heftiger Kampf beobachtet, bei dem die Fetzen fliegen, und dieses Mal ist es mit Sicherheit der Horstinhaber, der seinen Horst unbedingt zurückerobern will. Denn am 6. April ist auf einmal wieder das Männchen vom Vorjahr auf dem Nest, er hat es tatsächlich geschafft! Der noch unerfahrene Salemer hat das Nachsehen.
Jetzt sind sie also wieder zusammen, das alte Paar, und sie fackelten auch nicht lange, denn schon ca. eine Woche nach dem Kampf wurde mit der Brut begonnen.

Juni: Die Brut muss sogar schon drei bis vier Tage nach dem Kampf begonnen worden sein, denn um den 10. Mai schlüpften die ersten Jungen in Rulfingen. Das Nest ist schlecht einsehbar, aber schließlich wurden insgesamt vier kleine Störche entdeckt. Wider Erwarten überstanden sie ihre ersten beiden Lebenswochen gut, und am 25. Mai waren alle vier noch am Leben. Wieder einsetzende Kälte und Regen waren für das durch Nahrungsmangel geschwächte Nesthäkchen aber dann doch wohl zuviel, denn am 1. Juni wurden nur noch drei Köpfchen im Horst entdeckt. Es soll ja nun wärmer und trockener werden. Hoffentlich finden die Eltern für die drei verbliebenen Jungstörche nun genügend Futter, sodass sie sich von den Strapazen der letzten Wochen erholen können. Mitte Juni bekommen sie ihren Ring, an dem wir sie auch später, wenn sie vielleicht einmal selbst in Oberschwaben brüten, wieder erkennen können.

Juli: Ganz im Gegensatz zum letzten Jahr scheinen die Rulfinger Jungstörche diesmal von ihren Eltern sehr gut versorgt worden zu sein. Sie zeigten sich bei der Beringung als gut im Futter, die beiden Ältesten brachten zwischen drei und dreieinhalb Kilogramm auf die Waage. Es wurde dieses Mal auch keine auffällige Aggressivität oder extremes Bettelverhalten beobachtet. Sehr wahrscheinlich lag es daran, dass die Altstörche dieses Jahr ihre Jungen schon im Alter von wenigen Wochen, also sehr früh, alleine ließen und beide fast ununterbrochen auf Futtersuche gingen. Zwar blieb das Nest so ungeschützt, aber es hat sich offensichtlich gelohnt, denn die Drei kamen nicht nur problemlos durch die nachfolgende Schafskälte, sondern flogen auch ziemlich früh aus: Während sich die Jungstörche in anderen Horsten diesmal ziemlich viel Zeit ließen (Ausflug oft erst nach elf Wochen), wurde der erste Rulfinger bereits mit neun Wochen flügge. Bald wünschen wir ihnen eine Gute Reise, und wer weiß, vielleicht werden wir ja den Einen oder Anderen in ein paar Jahren auf einem Horst irgendwo in Oberschwaben als Brutvogel wiedersehen.

2009: In Rulfingen scheint es dieses Jahr tatsächlich mit einer Storchenbrut zu klappen. Die letztjährigen Ölkofener Brutstörche haben sich diesmal in Rulfingen niedergelassen. Es sind beide waschechte Oberschwaben: Er stammt aus Waldbeuren und ist jetzt fünf Jahre alt, sie ist mit ihren drei Jahren noch blutjung und wurde in Munderkingen geboren. Seit Mitte April brütete man auf dem Kirchturm.

Juni: Ob Rulfingen eine kleine Sensation erleben wird? Erste Brut in Rulfingen und gleich vier, wahrscheinlich sind es sogar fünf Junge!! Ob die Eltern das schaffen werden? Denn auch um Rulfingen lassen die Nahrungsgebiete zu wünschen übrig. Da wird es dann auch auf das Wetter ankommen, denn bei günstiger Witterung können die Eltern auch weiter entfernte Nahrungsgebiete nutzen.

Juli: Leider hat sich die Jungenzahl in Rulfingen (wie nach dem Nahrungsangebot und den beobachteten langen Fütterungsintervallen zu erwarten) nach und nach reduziert: Am 2. Juni waren nur noch drei kleine Störche im Nest zu entdecken, sie verhielten sich gegeneinander auffällig aggressiv; am 5. Juni waren es nur noch zwei. Am 16. Juni wurde bei der Beobachtung wieder ungewöhnlich aggressives Verhalten der beiden Jungstörche festgestellt, und als der Altstorch kam, wurde er nach der äußerst spärlichen Fütterung heftigst angebettelt. Doch hielten die beiden Küken durch und konnten am 19. Juni beringt werden.
Hoffentlich haben sie bei ihrem ersten Flug einen guten Start und packen auch den anstrengenden Zug in den Süden. Wünschen wir ihnen alles Gute.

2008: Rulfingen muss wohl noch etwas auf eine Storchenbrut warten.
Zwar besuchten Mitte April  kurzzeitig zwei Weißstörche den neu hergerichteten Horst auf dem Kirchturm, und ein Einzelstorch blieb daraufhin noch fast zwei Wochen hier. Doch war es ihm jetzt möglicherweise doch zu einsam, denn bei der letzten Horstkontrolle berichteten Anwohner, der Storch sei den selbigen Tag noch kein einziges Mal auf dem Kirchturm gesichtet worden, also vermutlich abgezogen. Vielleicht klapp(er)t es ja im nächsten Jahr?


Juni: Es sind immer noch gelegentlich Störche bei Rulfingen zu beobachten. Allerdings sind sie nur selten auf dem Horst und ziehen in der Gegend umher. Ob die Vagabunden wirklich ernsthafte Absichten hegen?






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